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HÄRJEDALEN:
Vemdalen
Teil2
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DIE
OCHSENTOUR ZUM OCHSENSEE
Heute
ist ein neuer Tag und als ich in der Früh aus dem Fenster blicke
ist alles weiss und es schneit. Gut, dass ich nicht mit dem Auto
fahren muss, denke ich und schnalle frohgemut die Gamaschen um.
Um halb neun marschiere ich vom Hotel Karl XI. weg. Ich will zum
Ochsensee, Oxsjön auf schwedisch, und es wird eine lange
und schöne Tour werden. Das heisst, ob sie schön wird,
weiss ich ja noch nicht, doch ich hoffe es.
Anfangen
tut es gut - auf Bohlen, die sind rutschig durch den Schnee. Immerhin
hat das kalte Wetter einen Vorteil. Alles Wasser ist gefroren und
daher komme ich auch neben den Bohlen trockenen Fusses voran.
Schon
nach ein paar Kilometern merke ich, dass die heutige Tour ganz andere
Züge annimmt als die von gestern. Heute wandere ich über
ein weites Hochplateau, ein tundraähnliches Kahlfjäll,
das sehr einfach und angenehm zu wandern ist. Wie schon gestern
sind die Wege hervorragend gekennzeichnet.
VINTERLED
UND SOMMERPFAD
Vinterled
(Winterpfad) und Sommarled (Sommerpfad)wird man sich merken
müssen, wenn man unliebsamen Überraschungen aus dem Weg
gehen will. Die Winterwege sind für Schifahrer und Motorschlitten,
das heisst, sie können auch schon einmal über Moore und
kleine Teiche führen. Also immer dem Sommerweg folgen.
Auf
meiner Karte sind die verschiedenen Wege schön eingezeichnet,
dadurch fällt mir die Wahl leicht. Das Wetter ist ziemlich
grau, ein leichtes Schneetreiben setzt ein, doch es wird heller.
Nach vierzig Minuten komme ich zu einer Weggabelung: Ochsensee 8
Kilometer.
Der
Weg verlässt jetzt das Hochmoor und senkt sich hinab zu einem
schütteren Fichtenwald. Auf dem gegenüberliegenden Hang
vor mir liegen ein paar Hütten. Je weiter der Weg abwärts
führt, umso üppiger wird die Vegetation. Die Bäume
werden zusehends stärker und es sind einige ausnehmend gutaussehende
Fichten da, deren Äste tiefgrün bis zum Boden hängen.
An
der tiefsten Stelle kreuzt mein Weg einen Bach, der gerade an der
Brücke einen kleinen Wasserfall bildet. Sieht echt toll aus
und im Sommer muss man an dieser Stelle schön baden können,
da der Bach hier einen kleinen Tümpel bildet. Am Hang hoch,
vielleicht dreihundert Meter, und schon bin ich bei der ersten Rasthütte,
"Zum silbernen Rentier" angekommen. Die Hütte ist
gut ausgerüstet mit Brennholz, sogar eine Säge und eine
Axt hängen an der Wand.
Danach
wandere ich am typischen Schrägzaun der Almen Härjedalens
entlang. Noch ein paar Höhenmeter durch den Wald dann öffnet
sich die Landschaft und es geht auf einer heideartigen Tundra entlang.
Weite Flächen sind mit Erika bewachsen.
HÄHER
IN NAHAUFNAHME
An
einer Weggabelung konsultiere ich kurz meine Karte und als ich mich
umdrehe, sitzen zwei Lavskrikor (eine Häherart) auf
einer Zwergbirke und beobachten mich aufmerksam. Sie sind überhaupt
nicht scheu, sondern scheinen sich über ein wenig Gesellschaft
zu freuen. Das Federkleid ist rotbraun und auf dem Kopf haben sie
eine schwarze Mütze. Sie begleiten mich ein Stück des
Wegs, ehe sie sich wieder interessanteren Dingen zuwenden.
Nach
zweieinviertel Stunden Wanderzeit sehe ich bereits den Ochsensee
unter mir auftauchen. Er ist langgestreckt und oval und zu beiden
Längsseiten wachsen Fichten. Der Weg führt auf halber
Hanghöhe den See entlang, sodass ich immer einen schönen
Blick auf das Wasser habe.
Eine
Viertelstunde später bin ich beim Oxsjövallen,
also der Ochsenseealm, angekommen. Ich lasse mir meine Jause schmecken
und trinke dazu den Tee, der immer noch warm ist, trotzdem es draussen
um die null Grad hat. Während ich so durch Fenster schaue,
bemerke ich, dass es jetzt richtig zu schneien begonnen hat. Doch
das macht mir nichts aus, denn der Weg ist vorbildlich gekennzeichnet
und ich liege genau in meinem Zeitplan.
Apropos
Zeitplan, so fällt mir beim Wandern auf, dass man unserer Jugend
ja sicher viel nachsagen kann, doch eines hat sie uns voraus: Meiner
Meinung nach sind Sachen, die wir uns erst erarbeiten mussten, heute
schon Allgemeingut geworden.
PLANEN
UND ENTWICKELN
Wovon
ich rede? Von Zielen und Planen zum Beispiel. Für mich ist
ein Plan der erste Schritt beim Erreichen eines Zieles. Und wer
hätte in meiner Jugend ein Ziel gehabt? Wir haben doch mehr
oder weniger einfach in den Tag hineingelebt und wenn uns jemand
nach Zielen gefragt hätte, geschweige denn, wie man ein solches
erreichen kann, so hätten wir wahrscheinlich die Frage gar
nicht verstanden, oder mit einem Witz abgetan.
Die
heutige Jugend kriegt das Ziele setzen bereits in der Schule vermittelt
und ein Plan wie diese Ziele erreicht werden können, wird frei
Haus mitgeliefert. Das finde ich toll und ich freue mich darüber
und das ist für mich nur ein weiterer Beweis, dass sich unsere
Welt zum besseren entwickelt und die Menschheit voranschreitet.
Während
ich noch diese Gedanken andenke, bin ich ein gutes Stück des
Weges gekommen und werde erst jetzt aufmerksam, dass der Weg ganz
knapp am See entlangführt und viele Birken wachsen. Das nächste
Ziel ist die Jorskarihütte und um die zu erreichen folge ich
dem Weg, der sich an der gegenüberliegenden Seite des Sees
hochzieht.
Geradezu
in die Wolken, will mir scheinen, doch es ist noch nicht einmal
zwölf Uhr und daher schreite ich wohlgemut aus. Immer wieder
komme ich an ausgesprochen schönen Exemplaren von Fichten vorbei,
die einmal allein, dann in Gruppen von fünf oder sechs beisammen
stehen. Ich grüsse respektvoll und manchmal winke ich ihnen
zu. Ich mag Bäume und gerade diese Exemplare sind besonders
wohlgewachsen. Stramm und aufrecht stehen sie da, stumme Zeugen
einer anderen Welt, die doch auch die unsere ist.
Der
Weg steigt an bis zu einem Sattel zwischen zwei höheren Hügelzügen,
dann fällt er wieder ab in ein neues Tal. Jetzt habe ich wohl
auch das Klövsjöfjäll hinter mir gelassen. Eine Gruppe
Schneehühner fliegt auf und die vielen Birken sind typisch
für das Niederfjäll. Es ist wirklich ideal zum Wandern
hier und ich kann mir vorstellen, dass es im Sommer verschiedenste
Nuancen von grün zu durchwandern gilt. Schwarzbeerengebüsch
links und rechts des Weges und da und dort hängen noch die
erstarrten Beeren tiefblau an den Stengeln.
ALMEN
UND WASSERFÄLLE
Nun
gesellt sich auch Wacholder zur Vegetation und bald bin ich an der
Jorskari Hütte. Jetzt ist der Kreis bald vollzogen, es fehlen
noch 6,5 Kilometer, dann bin ich wieder in Storhogna. Ein Schild
zeigt an, dass es nicht mehr weit zur Alm Fallmoran ist, 600 Meter,
da weist ein kleiner Pfeil zum Fallmorafall. Ein Wasserfall
lockt mich immer und so folge ich dem kleinen Pfad vielleicht zweihundert
Meter. Wirklich, ein schöner, vielleicht zehn Meter hoher Wasserfall
hat sich an einer Kante des Bachs Råjan gebildet.
Nach dreihundert Metern komme ich an der Alm Fallmoran vorbei. Hinter
einem kleinen Hügel taucht das Sameviste auf. Sameviste bedeutet
soviel wie Samenlager, also ein alter Lagerplatz der Samen, die
hier herunten wohl zu den Waldsamen gezählt werden, im Gegensatz
zu den Fjällsamen weiter oben im Norden. Eine Njalla,
ein Vorratshütte steht auf einigen Pfählen neben einer
alten Lappenkate.
Jetzt
sind es noch dreieinhalb Kilometer zurück nach Storhogna. Wieder
hat sich die Landschaft geändert und ein weites, völlig
plattes Heidegebiet öffnet sich vor mir. Nur spärlich
finden Fichten Nährboden scheint es, Erika wächst da und
dort, sonst nicht viel. Ein breiter Weg führt durch dieses
Niemandsland der Natur.
Jetzt
fällt der Nebel richtig hautnah ein, doch ich kann praktisch
schon den Holzofen riechen und trapple daher sorglos dahin, mit
mir und der Welt zufrieden. Zufrieden wie man nur nach einem Tag
in der Natur und einer gelungenen Wanderung sein kann.
60
METER DURCH DIE LUFT
Fünf
Kilometer von der Abzweigung nach Katrina, ca. sieben Kilometer
von Storhogna entfernt, liegt der Fettjebachwasserfall. Also ideal
für einen Ausflug mit dem Mountainbike. Zuerst auf der Bundesstrasse,
dann die letzten fünf Kilometer auf einer Waldstrasse, erst
starkes Gefälle, dann geht es fast eben dahin.
Auf
dem Parkplatz die Räder stehen lassen und zu Fuss weiterlaufen.
Erst ein breiter Weg durch einen Kahlschlag, dann in einem richtig
schönen gesunden Wald mit riesigen Fichten und dem Fettjebach
gleich neben dem Weg. Ein herrlicher Waldspaziergang erwartet uns.
Das muntere Murmeln des Bachs, das leise Säuseln des Windes
in den Ästen und die reine Luft machen das Wandern zu einer
lustbetonten Beschäftigung.
Zeitweise
führt der Weg ganz knapp neben dem Wasser entlang, Kinder sind
hier an der Hand zu nehmen. Auch weiter drinnen im Tal, wenn es
steil wird, ist auf die Kinder extra Augenmerk zu legen. Doch es
lohnt sich und die gewaltigen Ausmasse des Wasserfalls werden jung
und alt begeistern.
Vier
Kilometer sind es vom Windverschlag am Parkplatz bis zum Wasserfall.
Der Weg führt ganz nah am Bach entlang, und kreuzt ihn zweimal
über romantische Holzbrücken.
Bei der ersten Brücke fällt der Bach über einen kleineren
Wasserfall in einen verschwiegenen Tümpel, dann geht es ziemlich
steil den Hang hoch und immer tiefer dringen wir ins Tal vor.
War
der Pfad eben noch am Ufer des Bachs entlanggegangen, so befinden
wir uns jetzt auf einmal hoch über dem Fettjebach. Dann wieder
über eine Brücke und jetzt auf der rechten Seite die letzten
Meter zum Fall. Zuerst sehen wir einen Windverschlag, dann heben
wir den Blick und erstarren, so beeindruckend und überraschend
stehen die gewaltigen Felswände vor uns. Es gibt nur einen
Weg herein und hinaus, der, auf dem wir gekommen sind.
Ganz
Wagemutige können einem kleinen Pfad bis direkt unter den Fall
folgen und da sehen wir, dass auch rechts einige kleinere Fälle
fröhlich den Berg herunterspringen. Doch die Hauptattraktion
ist der grosse Fall über sechzig Meter.
Ergriffen
stehen wir eine Zeitlang und nehmen die Ruhe, die schwarzen Felsen
und das Gischten des Wassers in uns auf. Dieser Fall ist überraschend
und beeindruckend, wohl auch, weil man innerhalb von vierzig Minuten
vom Parkplatz hier herinnen mitten im Wald ist und ein so grandioses
Schauspiel der Natur eigentlich gar nicht erwartet.
Der
Fettjebachfall ist eine Pflichtnummer für jeden Urlauber hier
in Vemdalen!
Last
Updated: Donnerstag, 16. November 2006
Copyright 1999-2005 Dr. Eduard Nöstl
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